Euro-Krise: Ursachen, Gefahren und Lösungsansätze

Fernsehen, Radio, Zeitung, Internet! Alles wird durch die Euro-Krise beherrscht. Doch bei kaum einem anderen Thema fühlen sich die Bürger schlechter informiert. Das liegt einerseits an der Komplexität der Materie. Andererseits ist in Krisensituationen die Zeit häufig knapp, um über die zahllosen Informationen und Entscheidungen nachvollziehbar aufzuklären. Deshalb fehlt es an einer umfassenden Schilderung von Ursachen, Gefahren und Lösungsansätzen. Genau das aber ist die Grundlage für Vertrauen.

Ursachen

Die Ursache der Krise Europas ist die hemmungslose Verschuldung einiger Euro-Staaten. Dazu haben zwei Umstände beigetragen: Erstens eine falsche Finanzmarktregulierung nach dem Motto „Staat vor Privat“ und zweitens die faktische Beseitigung der Stabilitätskriterien von Maastricht:

Die Finanzmarktregulierung nach dem Motto „Staat vor Privat“ besagt, dass Banken bei Krediten an Private (also Verbraucher oder Unternehmer) teure Vorsorge für den Fall der Pleite betreiben müssen. Für Euro-Staaten mussten sie das aber nicht. Den Versicherungen schrieb man sogar vor, dass sie ihr Geld zu beachtlichen Teilen an Staaten verleihen müssen, weil diese als sicher galten. Niedrige Kosten für die Ausreichung von Staatskrediten und das verordnete große Angebot am Markt sorgten für billige Kredite. Wie immer im Leben gilt: Wenn der Preis eines Gutes sinkt, dann kann man auch mehr davon verkaufen. Und das geschah auch am Markt für Staatsschulden: Wegen der niedrigen Zinsen kauften die Staaten immer mehr Schulden ein.

Diesen Effekt sollten eigentlich die Stabilitätskriterien von Maastricht verhindern. Sie enthielten eine Art Schuldenbremse. Ihr Konstruktionsfehler war jedoch, dass sie nicht „hart“ formuliert war: Wenn es einen Verstoß einer Regierung gab, mussten sich die Regierungschefs nur zusammensetzen und diskutieren, was zu geschehen habe. Damit hat man aber den Bock zum Gärtner gemacht. Denn in der Runde der Regierungschefs war man sich schnell einig: Wenn Du mich nicht beim Schulden machen störst, dann störe ich Dich dabei auch nicht! So wuchsen die Schuldenberge immer weiter.

Vor ca. eineinhalb Jahren fingen dann die Kreditgeber der Problemstaaten an zu zweifeln, ob das Dogma „Staat vor Privat“ richtig ist, also ob man bei Euro-Staaten wirklich keine Vorsorge für einen Zahlungsausfall betreiben müsse. Sie fingen an, an die Staaten ähnliche Kriterien der Bonitätsbewertung anzulegen wie an Verbraucher oder Unternehmer. Dadurch wurde offenbar, dass die Schulden ins unermessliche gewachsen sind und die Kreditgeber sich Sorgen machen mussten, ob sie ihr Geld jemals wiedersehen würden. Kreditausfallversicherungen wurden aufgrund der steigenden Nachfrage immer teurer. Der Zins (also der Preis für Verschuldung) für die problematischen Euro-Staaten stieg wieder kräftig an.

Diese Entwicklung hat auf der einen Seite etwas Gutes: Der höhere Zins wirkt wie eine ökonomische Schuldenbremse zur Aufnahme neuer Schulden. Auf der anderen Seite kommt es dadurch aber zu einem großen Problem: Die Staaten müssen die hohen Zinsen recht schnell auch auf ihre alten, schon bestehenden Schulden bezahlen. Denn sie schulden quasi permanent um: Ihre Schulden bestehen aus vielen kleinen kurzfristigen Krediten (Staatsanleihen), die beständig abgelöst und durch neue ersetzt werden. Ab dem Moment der Ablösung gilt auch für alte Schulden der neue hohe Zins. Die Kreditkosten steigen also für die betroffenen Staaten selbst dann, wenn sie ihren Schuldenberg nicht um einen Euro erhöhen. Steigen die Zinsen plötzlich bei einem großen Schuldenberg kräftig an, dann kann bei Staaten wie bei privaten Schuldnern der Fall eintreten, dass man seine „Kreditraten“ nicht mehr bedienen kann. Davor zittert jeder Häuslebauer am Ende der Zinsbindungsfrist seiner Eigenheimfinanzierung.

Wenn ein Privater seinen Kredit nicht mehr bedient, dann stellt die Bank den gesamten Betrag sofort fällig – sprich: er muss den gesamten Kredit sofort zurückzahlen. Das geschieht auch bei Staaten. Die Grundlage dafür bilden sie sogenannten „cross default“-Regeln. Man spricht auch von „event of default“, „credit event“ oder „Kreditereignis“. Kommt es zur sofortigen Fälligstellung der Schulden eines Staates, dann sind seine Finanzen am Ende. Das würde selbst für das starke Deutschland gelten: Müssten wir morgen am Tag unsere zwei Billionen Euro Schulden zurückzahlen, könnten wir das auch nicht. Es droht der ungeordnete Staats-Bankrott.

Gefahren

Aber was ist so schlimm an einem ungeordneten Staats-Bankrott? Der führt zu vielen Problemen, aber wir beschränken uns hier auf die ökonomischen. Dazu muss man sich mit der sogenannten „too big to fail“-Problematik auseinandersetzen. Ab einer bestimmten Größe löst die Pleite eines Schuldners eine systemische Krise aus. Er ist „zu groß, um ihn in die Pleite zu schicken“. Um diese Mechanismen zu verstehen, muss man sich mit den Bilanzen von Banken und Versicherungen beschäftigen:

Die Bilanz hat eine Aktivseite. Dort steht alles, was etwa einer Bank juristisch gehört: z.B. Zahlungsansprüche gegen die Staaten aus Krediten, Zahlungsansprüche gegen Unternehmen oder Verbraucher aus Krediten sowie Wertpapiere. Zählt man dies alles zusammen, kommt man auf die sogenannte Bilanzsumme. Daneben steht die Passivseite. Dort schreibt man alle Schulden auf. Zieht man die von der Bilanzsumme die Schulden ab, dann erhält man das Eigenkapital. Es ist bei Banken recht dünn. Schätzungen gehen weltweit von durchschnittlich vier Prozent aus. Fällt nun ein sehr großer Schuldner um, dann schrumpft die Bilanzsumme der Bank. Denn die Forderungen gegen diesen Schuldner sind weniger wert. Da die Schulden der Bank aber gleich bleiben, schrumpft in gleichem Maße das Eigenkapital wie die Bilanzsumme.

Sinkt die Eigenkapitalquote zu stark, bekommt die Bank Probleme mit ihrer Aufsicht und auf dem Kapitalmarkt: Ihr will niemand mehr Geld leihen. Da eine Bank ein Geld-Händler ist, wäre das so, als ob einem Gemüse-Händler kein Gemüse mehr geliefert würde. Daher wird die Bank versuchen, ihre Eigenkapitalbasis zu stabilisieren. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Einerseits kann sie neue Aktien anbieten. Doch die Nachfrage nach Bank-Aktien ist derzeit gering. Oder die Bank kann Aktiva verkaufen, um damit Schulden zu begleichen. Dadurch verkürzt sich die Bilanzsumme und die prozentuale Eigenkapitalquote steigt, obwohl sich am absoluten Betrag nichts ändert: Ein Betrag, der bei einer Bilanzsumme von 100 zwei Prozent entspricht, wird bei einer Bilanzsumme von 50 wieder zu vier Prozent.

Dabei gibt es jedoch ein mathematisches Problem: Wer eine Milliarde Verlust im Eigenkapital bei einer Eigenkapitalquote von vier Prozent durch Bilanzverkürzung ausgleichen möchte, muss für 24 Milliarden Aktiva verkaufen, also Aktien, Anleihen und sonstige Wertpapiere. Jede Milliarde Abschreibung im Eigenkapital einer Bank kann also dazu führen, dass sie 24-mal so viel Geld durch Verkauf von Wertpapieren versucht hereinzuholen. Wenn aber große Wertpapierhändler wie Banken keine Wertpapiere mehr kaufen, sondern in großem Umfang verkaufen, brechen weltweit die Börsen ein. Das aber hat schlimme Folgen:

Weil die Wertpapiere an den Börsen immer weniger wert sind, beginnt ein Teufelskreislauf aus Abschreibung und Preisverfall. Denn Banken und Versicherungen müssen ihre Wertpapiere unter Umständen nach „fair value“ in der Bilanz bewerten, also nach Börsenpreisen. Unternehmen können sich an dem Börsen nicht mehr erfolgreich durch den Verkauf von Aktien oder Anleihen finanzieren. Lebensversicherer verdienen kein Geld mehr und können etwa Produkte zur privaten Altersvorsorge nicht mehr bedienen. Es kommt zu Kreditklemmen, die die Realwirtschaft belasten. Darauf folgt Rezession, Arbeitsplätze gehen verloren, Unternehmen werden insolvent. Es kommt zu immer mehr Abschreibungsbedarf, weil die insolventen Unternehmen ihre Bankkredite nicht mehr bedienen können. Das sind die oft genannten Kettenreaktionen oder Domino-Effekte, wenn ein sehr großer Schuldner im Finanzsystem umfällt.

Folgt man einschlägigen Studien zur Krise im Jahr 2008, so ist sie durch Abschreibungen von weltweit 500 Mrd. US-Dollar ausgelöst worden. Schreibt man die Staatsschulden der Euro-Problemstaaten (GIIPS-Gruppe) um die Hälfte ab, geht es um ca. 1.200 Mrd. US-Dollar. Daraus möge jeder seine Schlüsse zur Größe der Gefahr ziehen.

Lösungswege

Die Anforderungen an eine nachhaltige Lösung sind damit klar: Die Schulden der Problem-Staaten müssen sinken. Es darf aber nicht zu einem Domino-Effekt kommen, der unseren Wohlstand vernichtet. Gleichzeitig müssen Regeln formuliert werden, die eine Wiederholung der Krise verhindern. Diese Ziele erreicht man nicht mit einer einfachen Formel, sondern nur mit einem Instrumenten-Mix:

Finanzierungshilfen durch die Euro-Staatengemeinschaft sollen die sofortige Fälligstellung sämtlicher Kredite der Problemstaaten verhindern. Gleichzeitig müssen diese Staaten aber alle Anstrengungen unternehmen, um Ausgaben zu reduzieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Sehr gut funktioniert das derzeit in Irland. Dort sind die Sparziele nicht nur erreicht, sondern übererfüllt worden. Die Wirtschaft wächst und die Leistungsbilanz weist wieder einen leichten Überschuss auf.

Deutlich schlechter funktioniert dieser Weg in Griechenland. Neben vielen anderen Problemen zeigt sich hier auch, dass die „too big to fail“-Problematik erpressbar macht. Denn Griechenland könnte sagen: „Helft uns auch, wenn wir nicht ausreichend sparen, oder ihr werdet Euch selbst schaden!“ Manche glauben daher, dass der ehemalige Ministerpräsident Papandreou mit seinem Vorschlag für eine Volksabstimmung bewusst pokerte. Deshalb gehören in den Instrumenten-Mix unbedingt Maßnahmen zur Unterbrechung möglicher Domino-Effekte, um den eigenen Wohlstand zu schützen und damit ein mögliches Erpressungspotential von vorneherein einzuschränken. Das geschieht, indem die Eigenkapitalbasis der Banken gestärkt wird. Denn ihre Bilanzen sind quasi die fallenden Steine in einem möglichen Domino-Effekt. Genau dafür stellt die ertüchtigte EFSF notfalls Mittel bereit, falls ein Staat dies nicht aus eigener Kraft schaffen sollte. Dauerhaft müssen die Banken selbst ihre Eigenkapitalbasis deutlich solider gestalten, um das Finanzsystem weniger anfällig für Krisen zu machen.

Auf Dauer braucht der Finanzmarkt auch neue Regeln, damit sich eine solche Krise nicht wiederholt: Dazu gehört, sich vom Dogma „Staat vor Privat“ zu lösen. Mittelfristig müssen wir dazu gelangen, dass auch für die Schulden von Staaten Vorsorge für den Fall von Zahlungsschwierigkeiten getroffen werden. Der beste Weg dazu ist, dass man ein geregeltes Insolvenzverfahren für Euro-Staaten errichtet. Dann ist jedem signalisiert: Auch dieser Schuldner kann in die Knie gehen! Das Dogma „Staat vor Privat“ wäre vom Tisch!

Damit eine solche geregelte Staaten-Insolvenz auch künftig keine Domino-Effekte auslöst, benötigen wir auch permanent einen Mechanismus, der solche Kettenreaktionen notfalls unterbricht und die Durchführung einer solchen geregelten Insolvenz überwacht: Diese Aufgabe soll dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) ab 2013 zukommen. Damit dies möglichst selten geschieht, benötigen die Schuldenbremsen des europäischen Rechts „mehr Biss“! Sanktionen für die Verletzung europäischer Schuldenbremsen müssen quasi automatisch ohne politischen Ermessensspielraum erfolgen.

Die Ursachen dieser Krise haben sich über viele Jahre aufgetürmt. Sie wird sich nicht mit einem schnellen Streich beenden lassen, auch wenn das viele anfangs gehofft haben. Denn für eine einfache schnelle Lösung sind die Ursachen und Gefahren viel zu komplex. Zum Teil musste die Politik das erst lernen. Aber für die Lösung systemischer Krisen gibt es eben kein Patent-Rezept – außer von Gurus! Aber diese sind nie gute Ratgeber in einer Krisensituation!

Marco Buschmann MdB

Comments
5 Responses to “Euro-Krise: Ursachen, Gefahren und Lösungsansätze”
  1. uhupardo sagt:

    Schulden begrenzen, Wettbewerbsfähigkeit stärken … es tut mir leid, ich kann diesen Vortrag wirklich nicht mehr hören.

    Der wird auch bald aufhören, wenn erst „breitenöffentlich“ wird, dass die USA derart pleite sind, dass bei dem Wirtschaftsvolumen an „Rettungsschirme“ nicht einmal mehr zu denken ist.

    In diesem Artikel werden auch nur die alten Denkschemata ein bisschen mehr verbrannt, die nicht erkennen wollen, dass das „systemic risk“ zugeschlagen hat und sich mit alten Formeln nicht mehr zurückdrängen lassen wird. Dass der Autor MdB ist, macht es nur schlimmer.

    Saludos del Uhupardo
    http://uhupardo.wordpress.com/2011/11/03/griechenland-ist-unwichtig-der-tag-nach-dem-crash/

  2. Frank Martin sagt:

    Auch der ESM wird eines Tages durch eine Krise wieder beseitigt werden müssen. Es ist daher besser, dieses neue Problem erst gar nicht zu schaffen. Die Krise ist nicht das Problem, sondern die Lösung. Erst wenn es den Politikern nicht mehr gelingt, weitere Insolvenzverschleppung auf Kosten der Bürger zu betreiben, wird die Krise ihre Arbeit abschließen können. Das wird schmerzlich sein, aber von vielen Illusionen befreien. Und das ist allemal besser, als die bestehenden Irrtümer und Fehlbewertungen über Jahre und Jahrzehnte zwangsweise hochzuhalten. Der ESM muß vermieden werden. Noch ein abenteuerliches finanzpolitisches Experiment dürfen wir den aktuell maßgeblichen Politikern, die ihre Unfähigkeit vielfach bewiesen haben, nicht durchgehen lassen.

  3. Laut der oben aufgemachten Rechnung gibt es 24 mal mehr geschöpftes Geld als es „reales“ Geld. Eine Lösungsansatz habe ich nicht gelesen. Ist meine Annahme dann richtig, dass man weiter „wursteln“ will wie bisher und dabei auch die weitere Aufblähung der Blase, mit allen Krisen, in Kauf nimmt?

  4. jotun sagt:

    Jetzt weiß ich immer noch nicht, wie der ESM helfen soll. Was die Bundesregierung für tolle Ratgeber zu haben scheint, sieht man ja daran, wie ihre Strategie zur Krisenbewältigung in den vergangegen 2 Jahren bisher aufgegangen ist.

    Wussten die deutschen Ökonomen eigentlich nicht von der Gefahr eines Domino-Effekts als sie die Nichtbeistandsklausel in den Europäischen Verträgen verankerten? Doch, aber sie wussten, dass Moral Hazard und der Weg in einen zentralistischen Zinssozialismus noch gefährlicher sind! Ihre Lösung für das Problem, dass die Stabilitätskriterien zu „weich“ waren, ist also die Brandmauern gegen das Scheitern des Stabilitätspaktes eingebaut wurden, einzureißen?
    Na, herzlichen Glückwunsch! Das wird garantiert so toll Funktionieren wie der erste Vertragsbruch…

  5. Barthel Berand sagt:

    Lieber Marco,

    deine Problembeschreibung ist ausführlich und exzellent. Bei der Ursachenforschung springst du zwar etwas zu kurz, aber das kann man der heute lebenden Generation – zu der ich allerdings auch zähle – nicht ernsthaft vorwerfen. Wer beschäftigt sich schon freiwillig mit dem Geldwesen? Ich habe es die letzten vier Jahre getan, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass es in Krisenzeiten zunächst einmal wichtig ist, die Begriffe zu definieren, damit man überhaupt weiß, wovon man redet. Was ist Geld? Alle reden davon und wollen es haben. Aber wer kann Geld schon definieren? Mach einen ehrlichen Selbstversuch: Ist Geld eine Ware, eine Schuld, ein Recht? All dies sind Ansichten, die – mehr oder weniger gut begründet – vertreten werden. Die Antwort auf die Frage, was das Wesen des Geldes ist, ist für jeden, der sich mit der Materie nicht auseinandergesetzt hat, unmöglich. Ich habe mich intensiv mit der Materie auseinandergesetzt und kann deshalb sagen, dass die eigentliche Ursache der Krise tiefer liegt, als von dir vermutet:

    „Die Ursache der Krise Europas ist die hemmungslose Verschuldung einiger Euro-Staaten.“

    Die Verschuldung ist das Problem. Richtig. Aber wieso können sich alle Staaten, Unternehmen und Privaten so dermaßen verschulden? Das ist die zentrale Frage. Meine Antwort ist bekannt: ungedecktes Papiergeld. Ohne ungedecktes Papiergeld ist eine Verschuldung in diesen Ausmaßen unmöglich. Seine letzte Deckung verlor das Geld erst vor 40 Jahren. Da gab es dich noch nicht und du kennst daher nichts anderes. Ich ging noch zur Grundschule, kenne daher auch nichts anderes. In historischen Dimensionen gedacht sind 40 Jahre ein Wimpernschlag; für uns ist es ein halbes Leben.
    Ungedeckte Papiergeldsysteme gab es schon reichlich in der Geschichte. Keines hat überlebt; und ich kann keinen Grund erkennen, warum es diesmal anders sein sollte. Wenn du dieses System retten willst – egal ob es um Euro oder $ geht – wirst du diesen Grund finden müssen. Alles andere wäre ein Herumdoktern an Symptomen. Eine Schuldengrenze wird nicht ausreichen. Die hatten wir schon in den europäischen Verträgen (60%) und niemand hat sich dran gehalten. Politik wird immer Vereinbarungen brechen, wenn die Alternative zu unbequem erscheint – so wie in diesen Tagen. So war es immer und so wird es immer sein. Wir sind beide nicht naiv genug, um etwas anderes zu glauben. Die USA haben ihre Schuldengrenze in den letzten 50 jahren rund 75 mal heraufgesetzt. Welch ein albernes Theater. Die einzige Lösung ist daher die Rückkehr zu gedeckten Währungen. Nur so können wir verantwortungslose Politiker daran hindern, immer mehr Schulden zulasten der nächsten Generationen zu machen.
    Schau dir die Verschuldungsquoten der letzten 100 Jahre an. Sie steigen erst dramatisch, seit das Geld seine letzte Deckung am 15.08.1971 verloren hat. Ein sehr nachdrücklicher Beleg für ´meine´ These. Die Gegenthese, dass die Deckung des Geldes als Fessel für die Wirtschaft fungiert, ist durch die Geschichte widerlegt. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts unter einem Goldstandard war geprägt von einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 4% p.a., einem Preisniveaurückgang von 104 auf 72 Indexpunkte und sogar leicht steigenden Nominallöhnen (alle Daten ungeprüft aus der Erinnerung). Welch eine Reichtumsmaschinerie! Altersvorsorge ist in einem Umfeld, in dem Wachstumsdeflation (Wirtschaftswachstum und sinkende Preise) herrscht, wesentlich leichter. Es ist der größte Propagandasieg der heutigen mainstream-VWL, die Deflation verteufelt zu haben. Deflation ist etwas Gutes. Alle Argumente dagegen und Argumente für Inflationierung sind leicht zu entkräften.

    „Es darf aber nicht zu einem Domino-Effekt kommen, der unseren Wohlstand vernichtet.“

    Dieser Wohlstand ist leider nur eine Illusion, aufgebaut auf ungedeckten Währungen. Die Menschen werden in den nächsten Jahren sehr schmerzhaft den Unterschied zwischen realen und nominalen Größen erfahren. Wohlstand wird über die Gütermenge definiert; Geld misst nur diese Gütermenge, diesen Wohlstand. Das Geld liegt diesem Wohlstand aber nicht ursächlich zugrunde. Dies zu glauben ist einer der größten Irrtümer unserer Zeit.

    Ich weiß, dass ich eine Mindermeinung vertrete, die zudem unbequem ist. Aber diese Meinung ist sehr gut fundiert. Diese Denkschule wurde bereits im Jahre 1870 gegründet. Leider wird sie in Deutschland nicht gelehrt. Ich musste sie mir selber aneignen. Ich habe Wirtschaftswissenschaften studiert. Ich kenne die ganzen Theorien, ob Keynesianismus oder Monetarismus. Es war nicht leicht, sich einzugestehen, dass man Jahre seines Lebens mit dem Studium falscher Theorien zugebracht hat. Aber sie sind an der Realität gescheitert, wie uns die Prognose des Sachverständigenrats für 2008 nachdrücklich vor Augen geführt hat: Prognose + 1,5% Wachstum. Die Realität: -5%. Ein Offenbarungseid. Sie haben ja nicht einmal die grobe Richtung erkannt. Es gab keine exogenen Schocks. Die Ursachen waren systemisch und sie waren zu sehen. Ich halte es für fahrlässig, diesen Leuten, die immer noch die falschen Theorien anwenden, weiterhin zuzuhören. Als politischer Entscheidungsträger halte ich es sogar für grob fahrlässig und damit für justiziabel. Diejenigen, die die Theorie vertreten, die ich präferiere, haben diese Krise auf jeden Fall sehr treffsicher vorausgesagt. Und es sind keine Kassandrarufer, sondern erstzunehmende Wissenschaftler.

    Konfuzius hat sinngemäß gesagt: „Wenn die Begriffe ihre Bedeutung verlieren, verlieren die Völker ihre Freiheit.“ Er hat nicht übertrieben. Geld ist so ein Begriff. Gedecktes Geld wird genauso wie ungedecktes Geld schlicht als „Geld“ bezeichnet, obwohl es etwas völlig anderes ist. Der Übergang zur reinen Papierwährung war für die breite Bevölkerung nicht zu erkennen. Deshalb nehmen sie das Geld weiterhin an. Sie nehmen dieses Geld, weil sie den Unterschied nicht erkennen können. Diesen Unterschied gibt es aber. Und seine negativen Auswirkungen verlaufen schleichend, über Jahrzehnte, beinahe unmerklich, bis sie sich zu einem unüberwindbaren Problem aufgebaut haben. Vor diesem Problem stehen wir nun. Und es gibt keine Lösung mehr – außer der schmerzhaften Rückkehr zu gutem Geld.

    Dein Engagement ist sehr ehrenwert; aber es wird leider vergeblich sein. Auch das ist heute schon klar zu sehen.

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